Politikberatung behinderte Expert*innen: Vier Forschungsexposés zur Teilhabeforschung fertiggestellt

Die Lebenswelten von Menschen mit Behinderungen zu erforschen nennt die Wissenschaftscommunity mittlerweile Teilhabeforschung. Immer wieder wurde in der Vergangenheit kritisiert, dass nicht genügend behinderte Wissenschaftler*innen selbst in diesem Forschungsgebiet arbeiten. Partizipation und Teilhabe von Menschen mit Behinderung zu erforschen, ohne dass diese Gruppe selbst ein Teil dieser Forschungsbemühungen ist, wurde von Verbänden und der Politik immer wieder bemängelt. Deshalb beschloss die Selbstbestimmt-Leben-Organisation ZsL Gießen e.V., die erste von Menschen mit Behinderung getragene und dauerhaft forschende Bildungs- und Forschungseinrichtung unter dem Namen Politikberatung behinderte Expert*innen zu gründen.

Die vier wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen sind Menschen mit Behinderungen. In den vergangenen Monaten erstellten diese selbst Forschungsexposés zu behindertenpolitischen Themen und Fragestellungen. Lutz Niestrat erläutert in seinem Exposé das Thema der Arbeitsinklusion. Vor allem fragt er, weshalb die vielfältigen Arbeitsmarktinstrumente die es gibt, nicht ausreichen, um den Arbeitsmarkt effektiv und nachhaltig für Menschen mit Behinderung zu öffnen und welche Instrumente passgenau entwickelt werden sollten. Linda Sprenger bemängelt in ihrem Exposé zur Teilhabeberichterstattung der Bundesregierung die fehlende qualitative Analyse der Lebensrealitäten von Menschen mit Behinderung. Bei ihr liegt der Fokus in der Betrachtung einzelner Menschen und ihrer Biographien, der Wirkung zwischen politischer Steuerung, Gesetzgebung und der juristischen Gewalt des Staates sowie auf die tatsächliche Lebensgestaltung von Menschen mit Behinderung. Matthias Ziesche nimmt ein anderes gesellschaftliches Thema zum Anlass und bringt dies mit der Teilhabeforschung zusammen: Flucht und Asyl. Aufgrund umfangreicher Vorrecherchen konnten wir feststellen, dass zu diesem Bereich noch keine Datengrundlage vorhanden ist. Weder die politisch Verantwortlichen noch die Heimbetreiber oder andere zuständige Stellen kennen die Gesamtanzahl der betroffenen Gruppe. Auch die Frage, welche Einschränkungen und welche Bedarfe vorhanden sind, ist aktuell offen.

Die Exposés sollen zu Forschungsdesigns, Fach- und Diskussionsveranstaltungen, Fachartikeln und Promotions- sowie Habilitationsvorhaben weiter bearbeitet werden. Um unseren neuen und jungen Forschungsbereich betreiben zu können benötigt die Politikberatung jetzt allerdings noch Unterstützung. Mit mehreren Hochschullehrer*innen finden Gespräche statt, um sich in diesem Bereich vernetzen zu können.

Ganz praktisch soll auch ein Beitrag zu einem inklusiveren Hochschulsystem geleistet werden. Vielfach können behinderte Wissenschaftler*innen aktuell nicht von vorhandenen Forschungsförderungen profitieren. Meist fehlt dort die Berücksichtigung des behinderungsbedingten Mehraufwands, etwa bei der Arbeitsplatzausstattung oder beim Thema Arbeitsassistenz. Durch die Bereitstellung der Arbeitsplätze kann die Politikberatung behinderte Expert*innen als Arbeitgeber diesen Mehraufwand bei den zuständigen Behörden refinanzieren. Damit kann die Politikberatung behinderte Expert*innen unseren Wissenschaftler*innen die Chance zur eigenen wissenschaftlichen Weiterbildung im Rahmen der Promotion und Habilitation bieten.

 

Befragung für Personalvertretungen läuft

Die Politikberatung behinderte Expert*innen führt derzeit eine Umfrage für Personalvertretungen durch. Im Rahmen der Bildungsarbeit werden neue Seminare für diese Zielgruppen entwickelt, weshalb wir uns über die Beantwortung unseres Fragebogens durch Betriebs/Personalrät_innen, Schwerbehindertenvertreter_innen, Auszubildendenvertreter_innen etc. freuen. Hier ist unser Fragebogen zu finden:

https://www.soscisurvey.de/personalvertretungsschulung/

Wir danken für Ihre Mithilfe.

zwei Bürosachbearbeiterinnen / Bürosachbearbeiter als Arbeitsplatzassistenz für unsere seh- und hörbehinderten Mitarbeiter*innen gesucht

Stellenausschreibung Assistenz_OriginalDie Politikberatung behinderte Expert*innen sucht unbefristet zum 01. April 2015 zwei Bürosachbearbeiterinnen / Bürosachbearbeiter als Arbeitsplatzassistenz für ihre seh- und hörbehinderten Mitarbeiter*innen. Alle weiteren Informationen erhalten Interessierte in der beigefügten PDF-Datei.

Neujahrsgrüße

Die Politikberatung behinderte Expert*innen wünscht allen ein frohes und erfolgreiches neues Jahr. Auf uns warten spannende Aufgaben … mehr wird aber noch nicht verraten.

“Wer wird Inklusionär?” – Ein interaktives Quiz der Politikberatung behinderte Expert*innen auf dem Zukunftskongress “Inklusion 2025″ der Aktion Mensch in Berlin

Hätten Sie es gewusst ???

- Malu Dreyer ist die erste Politikerin, die sich offen zu ihrer Behinderung bekannt hat.

- Petra Groß hat u.a. für die Idee, in WFBM Frauenbeauftragte zu verankern, im Jahre 2007 das Bundesverdienstkreuz erhalten.

- Didi Resch ist als Drummer ohne Arme in mehreren Bands als Schlagzeuger aktiv

- Andy Holzer ist ein blinder Bergsteiger

- Theresia Degener ist deutsches Mitglied im UN-Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen.

Diese und andere Fakten präsentierte die Politikberatung behinderte Expert*innen anhand eines interaktiven Quiz auf dem Inklusionskongress der Aktion Mensch. Zahlreiche Besucher_innen wurden nicht nur durch die vorweihnachtlichen Preise zum Mitmachen animiert. In einer nachgestellten Quizversion des Klassikers „Wer wird Millionär?“ konnten sie ihr Wissen unter Beweis stellen.
Am Schluss haben alle etwas dazugelernt und können die These der Politikberatung behinderte Expert*innen unterschreiben:
Nur wer seine Vergangenheit kennt, kann die Zukunft gestalten.

Lob für Trainer*innen bei Empowermentschulung “Stärker werden und etwas verändern” in Mainz

Ein ausführlicher Bericht zur Abschlussveranstaltung der Empowermentschulung “Stärker werden und etwas verändern” in Mainz, bei der Eileen Moritz im Bereich
der politischen Bildungsarbeit tätig war.

 

http://www.kobinet-nachrichten.org/de/1/nachrichten/30600?rss=trueutm_source=twitterfeedutm_medium=twitter

Politikberatung behinderte Expert*innen startet!

Was bringt eine gehörlose und eine blinde Frau, zwei blinde Männer und zwei Rollinutzer*innen zusammen? Sie arbeiten in einem Team für die neue Politikberatung behinderte Expert*innen.

Das neue Expert*innen Team engagiert sich durch wissenschaftliche und politische Bildungsarbeit für die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention. Die Schwerpunkte ihrer Arbeit liegen vor allem in den Bereichen Politik, Verwaltung, Verbände und Gewerkschaften.

Das Expert*innen Team wird koordiniert von Eileen Moritz. Die Nutzerin eines Elektrorollstuhls übernimmt außer der Koordination der Politikberatung die politische Bildungsarbeit. Unterstützt wird sie bereits seit April 2014 von Melanie Skrapak, die die Verwaltung und Bürokommunikation unter ihrer Regie hat.
Nun kommen ab August bzw. September 2014 vier weitere Kolleg*innen hinzu. Linda Sprenger, Lutz Niestrat sowie Matthias Ziesche werden die wissenschaftliche Arbeit übernehmen. Sie haben unterschiedliche wissenschaftliche Ausbildungen in den Bereichen Politikwissenschaft, Soziologie und soziale Arbeit.
Das divers aufgestellte Expert*innen Team orientiert sich in seiner wissenschaftlichen Forschung und politischen Bildungsarbeit vor allem an den Rechtsnormen, Konzepten und Werten der UN-Behindertenrechtskonvention.

Aktuell erarbeitet das Team Dienstleistungsangebote, unter anderem zur Einführung und Evaluation von Aktionsplänen in Kommunen und Ländern. Diese Expertisen dienen zur Evaluation von Gesetzen und Vorschriften.
Ihre wissenschaftliche Arbeit ist um ihre eigene Erfahrung als Menschen mit (sogenannten) Behinderungen erweitert.
Dadurch können sie die reale soziale Lage von Menschen mit Behinderungen authentischer darstellen.

Unser Team:

Eileen Moritz studierte Sozialpädagogik in Berlin. Nach ihrem Studium und der Qualifikation zur Supervisorin war sie in verschiedensten Feldern der Sozialarbeit tätig. Erst 2009 kehrte sie zu „ihren Wurzeln“ zurück und engagiert sich seither in der politischen Behindertenbewegung. Von September 2009 bis Januar 2014 war sie bei der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e.V. für die Verbandskommunikation zuständig. Im Februar 2014 begann sie die Politikberatung behinderte Expert*innen aufzubauen. Sie steht derzeit vor allem für die politische Bildungsarbeit und erarbeitete z.B. unterschiedliche Trainingsangebote zur Sensibilisierung, zu Inklusions- und Veränderungsprozessen, zu Diversity und Arbeit usw.

Linda Sprenger hat in Frankfurt, Zürich und Marburg Diplom-Soziologie mit den Schwerpunkten Methoden der empirischen Sozialforschung und Einstellungs- und Diskriminierungsforschung studiert. Vor der neuen Stelle arbeitete sie an der Philipps-Universität Marburg im Bereich Qualitätssicherung in Studiengängen. Sie untersuchte in ihrer Diplomarbeit das Verhalten gegenüber behinderten und nicht-behinderten Personen im Bewerbungsprozess.

Lutz Niestrat hat an der Evangelischen Hochschule Berlin den Diplomstudiengang Sozialpädagogik und an der Alice Salomon Hochschule den Masterstudiengang „Praxisforschung in sozialer Arbeit und Pädagogik“ studiert.
Nach dem Abschluss des Studiums im Jahre 2013 war er zunächst Referent für Öffentlichkeitsarbeit beim Allgemeinen Behindertenverband in Deutschland e.V. (ABiD).
Seine bisherigen Forschungsergebnisse lassen sich in den Bereichen des Rehabilitationswesens für Blinde und Sehbehinderte und im Bereich der prekären Arbeitsverhältnisse bei Menschen mit Behinderungen wiederfinden.

Matthias Ziesche studierte an der Freien Universität Berlin am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft Diplom-Politikwissenschaften. Er forschte zur Klima- und Energiepolitik in den neuen EU-Mitgliedsländern.

Melanie Skrapak arbeitete nach ihrem Abitur 12 Jahre als Inneneinrichterin. Seit Anfang 2014 ist sie zusätzlich gelernte Kauffrau für Marketingkommunikation. In der Politikberatung ist sie für die Verwaltung und Bürokommunikation zuständig.

Zentrum steigt in Politikberatung ein

Mit der UN-Behindertenrechtskonvention (BRK) sind gute Grundlagen für ein gleichberechtigtes und chancengleiches Leben behinderter Menschen in der Gesellschaft geschaffen worden. Doch die innliegenden Werte, Rechte und Konzepte  der BRK werden oft missverstanden oder aus ökonomischen Gründen bewusst fehlinterpretiert.

Denn fünf Jahre nach Inkrafttreten der BRK hat sich die Lebensrealität behinderter Menschen kaum verbessert:
Noch immer leben sie z.B. in Sonderwelten, werden auf sogenannten Förderschulen beschult,  sind in besonderer Weise von Arbeitslosigkeit betroffen, werden frühzeitig in die Verrentung gedrängt und sind einem erhöhten Armutsrisiko ausgesetzt.

Die Vermittlung der tiefgehenden Konzepte der BRK, das Voranbringen ihrer Umsetzung und die immer größer werdende Komplexität gesellschaftlicher Prozesse macht Beratung für politische Entscheidungsträger, die häufig nicht mit der Lebensrealität behinderter Menschen vertraut sind, notwendig.

Die langjährigen Erfahrungen aus der Arbeit im Selbstbestimmt Leben Zentrum in Gießen, unsere unterschiedlichen beruflichen Qualifikationen und die Kompetenzen zur Selbstvertretung bilden die Grundlagen unserer Politikberatung.

Was wir jetzt erwarten: Echte Partizipation und Teilhabe

Behinderte Menschen sehen die Bundestagswahlen unterschiedlich, natürlich. Einige aktiven aus der Bewegung sind bei der SPD, den Grünen oder auch der Linken aktiv. Leider kaum einer bei der Union. Wir sind allerdings bei den Wahlen in die Parlamente am 22. September  in Hessen wie im Bund ziemlich leer ausgegangen. Behinderte Aktivistinnen haben entweder erst gar nicht kandidiert oder sie scheiterten, weil sie auf schlechten Listenplätzen standen. Deshalb ist jetzt die Frage, wie Parteien und Fraktionen, egal welche, mit dieser Lage, dass kaum noch ein behinderter auf den Parlamentsstühlen Platz nehmen kann, umgehen.

Deshalb fordere ich, dass behinderte ExpertInnen jetzt vor allem für den Arbeitsbereich der Behindertenpolitik aber auch darüber hinaus in Parteien, Fraktionen und weiterer parlamentspolitischer Zusammenhänge eingestellt werden. Wir sind Experten in eigener Sache, hochqualifiziert ausgebildet, mit jahrelanger Erfahrungen in der Behindertenhilfe. Einen Weg in die inklusive Gesellschaft ohne uns als behinderte Experten kann es nicht geben.

Deshalb: stellt Menschen mit Behinderung ein, als Wahlkreismitarbeiter, als FraktionsreferentInnen, als Sachbearbeiter und als persönliche ReferentInnen, profitiert von deren Professionalität und deren Lebenserfahrung. Jeder wird merken, dass andere und neue Blickwinkel in die Parlaments- und Parteiarbeit neue Möglichkeiten der inhaltlichen Arbeit bietet.